Interprofessionelles Lernen in den Gesundheitsberufen

Interprofessionelles Lernen in den Gesundheitsberufen – für das Dezemberheft KU-Gesundheitsmanagement

Die Betreuung schwerstkranker Patienten auf Intensivstationen ist für Pflegeteams eine Herausforderung: Komplexe Therapien müssen eingeleitet und überwacht werden, kleinste Veränderungen erkannt und richtig interpretieren werden. Ruhe, Besonnenheit, aber auch Reaktionsschnelligkeit sind gefragt. Welche Veränderungen beim Patienten verlangen ein unverzügliches ärztliches Einschreiten? Welche Fakten und Hinweise braucht der Arzt dafür? Und was müssen Pfleger wissen, um Veränderungen richtig einordnen zu können?

Interprofessionelle Seminare führen ärztliches und pflegerisches Wissen zusammen und eröffnen eine neue Ebene des Lernens. Stehen Ärzte und Pfleger gemeinsam im Trainings-OP, lassen sich vorhandene Wissensinseln vernetzen und für die klinische Praxis nutzbar machen. Rein fachliche Fortbildungen werden mit der Reflexion des Handelns im Team und dem eigenen Rollenverständnis ergänzt. Ein optimales Zusammenspiel beider Berufsgruppen führt zu einer spürbaren Qualitätssteigerung.

Beatmung verstehen

Auf unseren Intensivstationen werden Menschen jedes Alters versorgt – vom Neugeborenen in der Neonatologie bis hin zum geriatrischen Patienten. Die zentrale Aufgabe ist die Erhaltung und Überwachung der Vitalfunktionen. Die intensivmedizinische Betreuung wird von erfahrenen Fachärzten geleitet und in die Hände der Pfleger gelegt. Sie überwachen und dokumentieren die Vitalparameter der Patienten und sorgen zusammen mit den Ärzten für die Aufrechterhaltung einer optimalen Therapie, beispielsweise einer lungenprotektiven Beatmung.

Die künstliche Beatmung ist ein komplexer Bereich der intensivmedizinischen Versorgung. Sie erfordert von den Pflegern gutes anatomisches Wissen und ein Verständnis für die physiologischen Prozesse. Es wird ein souveräner Umgang mit Beatmungsgeräten erwartet, um die technischen Einstellungen laufend an die Bedürfnisse des Patienten anzupassen. Als möglicher Auslöser für Folgeerkrankungen ist die künstliche Beatmung eine verantwortungsvolle Aufgabe, birgt sie doch ein Risiko von Pneumonien bei im Mittel 4,25 Fällen, bezogen auf 1.000 invasive Beatmungstage.

Künstliche Beatmung im Team lernen

Ärztliches Können und pflegerische Kompetenzen bilden die Voraussetzungen für eine umfassende Versorgung. „Ein besseres gegenseitiges Verständnis für Intentionen und Hintergründe des Handelns eröffnet eine neue Ebene der medizinischen und pflegerischen Versorgung“, so Dr. Heiko Ziervogel, Geschäftsführer des Medizinischen Kompetenzzentrums ‚Medizin im Grünen’ in Wendisch-Rietz. Teamaufgaben müssen als solche erkannt werden, damit die vorhandenen Ressourcen ausgeschöpft werden können. Das Bewusstsein dafür und die fachlichen Fertigkeiten trainieren Ärzte und Pfleger seit mehr als zehn Jahren in eigens dafür eingerichteten Intensivstationen und Operationssälen im Südosten Berlins. „Wir ermöglichen ein Training in gewohnter klinischer Umgebung und Ausstattung, mit sorgfältig ausgewählten Modellen, als Ersatz für reale Patienten.“

Bei der idealen Besetzung stehen in den Fortbildungen ein Arzt und zwei Pfleger der gleichen Station am Tisch. In der Realität findet sich diese Konstellation als Mix aus verschiedenen Krankenhäusern. Pfleger und Ärzte begegnen sich bei ‚Medizin im Grünen’ vielleicht gerade darum sehr offen. Die klinischen Abläufe sind identisch und etwas Routine wird vorausgesetzt. Beim Erfahrungsaustausch verschmelzen beide Berufsgruppen und verfolgen bewusst nur ein Ziel: die optimale Versorgung des Simulationsmodells, das den erkrankten Patienten ersetzt.

Während sich am Himmel Wildgänse formieren, arbeiten die Teilnehmer an der künstlichen Beatmung des In-vivo-Modells. Alle Veränderung von Ventilation und Perfusion werden aufmerksam verfolgt und gemeinsam bewertet. Das autonome biologische Modell reagiert wie ein typischer Patient. Die respiratorische Entlastung des Systems ist nun erreicht. Ein bewusster Schritt zurück – und das erreichte Optimum geht wieder verloren. So wächst im Team ganz real die Erfahrung für Erreichbares und Riskantes.

Praxisnahes Training im Team

Die Referenten sind Experten ihres medizinischen Fachbereiches und verstehen sich als Moderatoren, die theoretischen Input liefern und Raum für Erfahrungen geben. Sie verweisen auf aktuelle Studien und sensibilisieren für den klinischen Alltag, um gefährlichen Routinen entgegenzuwirken. Sie zeigen Grenzen und geben therapeutischen und pflegerischen Möglichkeiten Raum. PD Dr. med. Thomas Schaible ist Facharzt für Kinderheilkunde mit Ausbildungsermächtigung für die Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin. Er leitet interprofessionelle Beatmungskurse bei ‚Medizin im Grünen’, bei denen Fach- und Oberärzte gemeinsam mit Pflegern an In-vivo-Modellen intensivmedizinische Prozesse trainieren. Die rein fachliche Fortbildung wird mit der Reflexion des Handelns im Team und dem eigenen Rollenverständnis ergänzt. „Als Ärzte sehen wir regelmäßig nur einen Teil unserer Patienten. Viel intensiver ist der Kontakt der Pfleger. Wir sind darauf angewiesen, von ihnen valide Informationen für möglichst schnelle Interventionen zu erhalten“, berichtet Dr. Schaible. Fließen die Sichtweisen und Beobachtungen von Ärzten und Pflegern gemeinsam in die Bewertung einer Patientensituation ein, ergibt sich ein objektiveres Bild.

Künstliche Beatmung ist kein theoretischer Vorgang

Philipp Wolfram, Pfleger auf der Intensivstation in einer großen Klinikgruppe berichtet, dass in der Pflegeausbildung zwar theoretische Grundlagen zur Atmung und Beatmung vermittelt werden, er jedoch erst im Beatmungsseminar die verschiedenen Beatmungsgeräte wirklich verstanden habe. Das Training am In-vivo-Modell unterstützt das Lernen für den beruflichen Alltag. Die Auswirkungen des eigenen Handelns sind unmittelbar ersichtlich, aber die individuellen Reaktionen, wie auf seiner Station, nicht immer vorhersehbar. Das gibt Sicherheit für das tägliche Pflegearbeit in der Klinik.

Künstliche Beatmung als Kommunikationsaufgabe

Auch Pfleger argumentieren gern mit Fakten. Spezifische Fortbildungen und interprofessionelle Trainings im Team machen Pfleger zu souveränen Ansprechpartnern für Ärzte, Patienten und Angehörige. Erkennen Pfleger mögliche kausale Zusammenhänge in einer Pflegesituation, können sie den Arzt gezielt darauf ansprechen und sind in Gesprächen aussagefähiger – auch in der täglichen Kommunikation mit Patienten und deren Angehörigen. Sie werden mit Fragen und Ängsten konfrontiert. Sind ihnen die mit der künstlichen Beatmung verbundenen Risiken bewusst, können sie auf Immobilität oder Pneumonien hinweisen. Pfleger können gezielter die Beatmungsentwöhnung unterstützen, selbst wenn diese temporär einen erhöhten Arbeitsaufwand für sie darstellen. Wurde vom Arzt eine nicht invasive Beatmung indiziert, erläutern Pfleger fundiert, warum dies notwendig ist. Gute Kommunikation trägt auf jeder Ebene zur Compliance bei.

Potenziale der Pflege

„In der Pflege liegen noch ungenutzte Potenziale, die weit über die Dokumentation von Vitalparameter hinausgehen“, weiß Dr. Schaible aus seiner Erfahrung als Seminarleiter und Direktor der Klinik für Neonatologie der Universitätsklinik Mannheim. „Je mehr die Pfleger wissen und verstehen, umso besser können sie eine Patientensituation einschätzen und kommunizieren. Davon profitieren wir als Ärzte und nicht zuletzt der Patient.“ Interprofessionelle Seminare regen zum Mitdenken und Mitreden an. Sie erweitern den Horizont. Zusammenhänge werden deutlich und ermöglichen zielgerichtetes Hinterfragen von klinischen Situationen und Abläufen. Gerade die Intensivmedizin ist sehr personalintensiv und auf ein ergänzendes Miteinander angewiesen. Das bewusste gemeinsame Agieren ist für viele Ärzte und Pfleger noch ungewohntes Terrain. Interprofessionelle Trainings in den Gesundheitsberufen ermöglichen das Zusammenführen von vorhandenem Wissen. Diese Wissensinseln zu vernetzen und für die klinische Praxis nutzbar zu machen, ist die Motivation von Dr. Ziervogel.

Nebenwirkungen für praxisnahes Lernen im Team

Interprofessionelle Fortbildungen können die Berufsgruppen im Gesundheitswesen zueinander und ins Gespräch bringen. Auch kritisches Hinterfragen von Handlungen und Arbeitsabläufen sind denkbar. Nicht selten führen Betrachtungen aus einer neuen Perspektive zur Optimierung von Prozessen, die „schon immer so gemacht werden.“ Zurück im gewohnten Klinik-Team tragen Pfleger und Ärzte ihr Wissen in die Praxis und fungieren als Multiplikatoren. Mit geschärfter Wahrnehmung beobachten sie ihr Handeln und erweitern ihren Aktionsradius. Unsere Intensivstationen arbeiten im internationalen Vergleich medizinisch auf sehr hohem Niveau. Gesundheitspolitische Entwicklungen haben jedoch zu einem spürbaren Fachkräftemangel vor allem im Pflegebereich geführt. Zudem sind durch den demografischen Wandel neue Herausforderungen durch komplexe Pflegesituationen zunehmend multimorbider Patienten zu erwarten. Interprofessionelle Fortbildungen im Team können ein Teil zur Sicherung der Gesundheitsversorgung sein.

Text im Dezemberheft 2015 KU-Gesundheitsmanagement lesen:

ku_2015-12_47-49

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