Aus- und Weiterbildung in der Pflege – Ein Beitrag für KU-Gesundheitsmanagement

Auf dem Weg zu internationalen Standards –
Differenzierte Aus- und Weiterbildung in der Pflege

Die Anforderungen in der Pflegeversorgung steigen mit der demografischen und epidemiologischen Entwicklung weiter an. Perspektivisch sind mehr ältere Menschen mit zunehmend chronischen Erkrankungen und Multimorbiditäten zu versorgen. Komplexe Krankheitsbilder mit sich überlagernden Symptomatiken erhöhen den Bedarf an einer differenzierten Pflege und Betreuung, die pflegefachliche Qualifikationen erfordern. Der aktuelle Gesetzentwurf zur Reform der Pflegeberufe sieht nun ergänzend zur berufsschulischen auch die hochschulische Erstausbildung vor. Deutschland findet in der Pflegebildung in qualitativer Hinsicht so den Anschluss an international übliche Qualifizierungsstandards. Die hochschulische Pflegeausbildung vermittelt in sechs bis acht Semestern zusätzlich zum praktischen Pflegewissen vertiefende methodische und wissenschaftliche Kenntnisse.

Der Pflegeberuf war lange ausschließlich ein klassischer Ausbildungsberuf in den Bereichen Krankenpflege, Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege. Die aktuelle Reform des Pflegeberufsgesetzes strebt eine Generalisierung der Pflegeberufe an und beabsichtigt erstmals die hochschulische Erstausbildung in der Pflege zu regeln. Der erste Pflege-Studiengang in Deutschland wurde ab 1963 an der Humboldt-Universität (DDR) angeboten, um Lehrpersonal für den Theorieunterricht u.a. in der Pflegeausbildung zu qualifizieren. Neben dem formalen Hochschulzugang war für das Studium der Medizinpädagogik der erfolgreiche Abschluss einer beruflichen Pflegeausbildung Voraussetzung für das Studium. Diese Zugangsvoraussetzungen galten ebenso für den ab 1988 an der Martin-Luther-Universität Halle implementierten Studiengang Medizinpädagogik. Als erster Pflege-Studiengang in der Bundesrepublik Deutschland nahm der Diplomstudiengang Pflegemanagement an der Fachhochschule Osnabrück 1991 seine Arbeit auf. Die Voraussetzungen (Hochschulzugang plus Berufsausbildung) waren vergleichbar und wurden für fast alle nachfolgenden Diplomstudienangebote in den Bereichen Pflegepädagogik und Pflegemanagement übernommen.

Diese akademischen Qualifizierungen für Pflegefachpersonen ersetzten zunehmend die entsprechenden, meist zweijährigen, Weiterbildungen. Mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses wurden die Diplomstudiengänge ab etwa 2006 durch eine gestufte Studienstruktur ersetzt. Die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge veränderte die Angebotsstruktur grundlegend. In Orientierung an internationale Standards wurden die Studienangebote für Pflegepädagogik und Pflegemanagement vielerorts auf die Masterebene verschoben. Dies ebnete den Weg für Bachelorstudiengänge, die, strukturell betrachtet, nicht weiterbildend, sondern ausbildend ausgerichtet sind.

Studium oder Weiterbildung

Die Grenzen zwischen den Curricula der pflegebezogenen Studiengänge und den Lehrinhalten der Weiterbildungen in der Pflege sind in Bewegung. Derzeit konkurrieren zahlreiche Qualifikationsangebote des traditionellen Weiterbildungssektors mit hochschulischen Studiengängen auf Bachelor- oder Masterebene. So werden in beiden Bereichen Qualifizierungen zur Leitung einer Station oder eines Wohnbereiches angeboten. Einige Studienangebote ersetzen konzeptionell formell geregelte Fachweiterbildungen zum Beispiel in psychiatrischer Pflege und verbinden fachliche Vertiefungen mit wissenschaftlicher Fundierung. Studienangebote, insbesondere zur erweiterten Pflegepraxis (Advanced Nursing Practice, ANP) vermitteln pflegefachliche Kompetenzen zum Beispiel in der onkologischen oder palliativen Pflege, dem Case-Management oder der Intensivpflege sowie Steuerungs- und Forschungskompetenzen und gehen damit neue Wege.

Die pflegepädagogische Qualifizierung ist, seit im Krankenpflegegesetz von 2004 die akademische Qualifikation für Pflegelehrer fixiert wurde, vollständig in der hochschulischen Bildung angesiedelt. Pflegemanagement ist Teil zahlreicher Studiengänge und wird zudem in Weiterbildungen angeboten. Die Chancen für Bewerber mit einer Weiterbildungsqualifikation zum Beispiel auf die Position eines Pflegedirektors in einem Krankenhaus der Regel- und Maximalversorgung sind jedoch gering.

Heute werden an deutschen Fachhochschulen und Universitäten etwa 100 Bachelor- und 40 Masterstudiengänge mit Pflegebezug, aber unterschiedlichen Akzenten angeboten. So werden neben der beruflichen Qualifizierung teilweise schon auf Bachelorebene spezifische Vertiefungen, etwa in der psychiatrischen Pflege, angestrebt oder in klinisch ausgerichteten Studiengängen werden Module mit dem Fokus auf Pflegepädagogik oder -management integriert.

Die Förderung der klinischen Handlungskompetenz ist in der Pflegeaus- und Weiterbildung ein zentrales Thema. In der hochschulischen Qualifizierung wird darüber hinaus besonderer Wert auf die Entwicklung von Methodenkompetenz für die Fundierung pflegerelevanter Entscheidungen, wie der Auswahl von Pflegeinterventionen, gelegt. Dazu gehört die Beurteilung komplexer Pflegesituationen ebenso, wie die Bewertung von Studien als Basis evidenzbasierten Handelns.

Perspektivisch wird es auch hier zur Neuordnung der Angebote kommen. Die hochschulischen Angebote zur pflegefachlichen Spezialisierung auf Masterebene werden zunehmen und die Absolventen dieser Studiengänge werden, soweit die Krankenhausstrukturen dies zulassen, wesentlich zur Verbesserung einer evidenzbasierten pflegerischen Versorgungsqualität beitragen. Angesichts des hohen Anteils der beruflich qualifizierten Pflegefachpersonen werden gleichwohl mittel- bis langfristig auch die traditionellen Fachweiterbildungen fortbestehen.

Kompetenzgewinn auf Bachelorniveau

Die ersten Modellstudiengänge zur Weiterentwicklung der Pflege- und Gesundheitsfachberufe in Nordrhein-Westfalen wurden vom Institut für Public Health, der Pflegeforschung der Universität Bremen und der Katholischen Stiftungsfachhochschule München evaluiert (http://www.mgepa.nrw.de/pflege/pflegeberufe/modellstudiengaenge/index.php).

In Befragungen wurde der wahrgenommene Kompetenzgewinn ermittelt und in vier Qualitätsdimensionen dargestellt: die Befähigung zur Anwendung wissenschaftlichen Wissens, die Vermittlung klinischer Kompetenzen auf Bachelorniveau, die Förderung von interprofessionellem Lernen und Handeln sowie die Fähigkeit zum Aufbau und zur Reflexion eines Arbeitsbündnisses zwischen Pflegenden und Patienten. Letztere wurde von 18,6 % der Studierenden, jedoch nur von 4,6 % der Auszubildenden genannt. Eine tragfähige und reflektierte Beziehungsgestaltung zwischen Pflegenden und Patienten, das Arbeitsbündnis, ist die Basis für eine professionelle und zeitgemäße Pflege. Sie balanciert Widersprüche zwischen Nähe und Distanz oder Autonomie und Fürsorge aus und ermöglicht eine gemeinsame Entscheidungsfindung. Die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten und das kritische Hinterfragen von Routinen wurden mit Abstand am häufigsten als studiumsbezogene Kompetenz wahrgenommen.

Pflegeexperten APN – Masterabschluss für die klinische Versorgung

In deutschen Krankenhäusern arbeiten heute etwa 316.000 Pflegekräfte. Neben examinierten Fachkräften übernehmen seit wenigen Jahren auch hochschulisch qualifizierte Pflegende verantwortungsvolle Aufgaben in der patientennahen Gesundheitsversorgung. Klinische Pflegeexperten APN (Advanced Practice Nurse) ergänzen den regulären Pflegedienst durch spezifisches Fachwissen, zum Beispiel bei der Versorgung von Menschen mit chronischen Krankheitsverläufen. Als Experten für die Schnittstelle von Krankheitsfolgen und Alltagsbewältigung beziehen sie die individuelle Lebenssituation des betroffenen Menschen in die pflegerische Versorgung mit ein.

Auswirkungen der Akademisierung auf die Versorgungsqualität

Eine groß angelegte internationale Untersuchung, an der auch Deutschland beteiligt war (Aiken et al., 2014, The Lancet) zeigte unter anderem, dass sich die Anzahl der Todesfälle um 7 % reduzierte, wenn ein um 10 % höherer Anteil von Pflegenden mit einem Bachelorabschluss beschäftigt war. Patienten, die in Krankenhäusern behandelt wurden, in denen 60 % des Pflegepersonals über einen Bachelorabschluss verfügte und in denen eine Pflegefachkraft nicht mehr als sechs Patienten versorgte, hatten ein um 30 % geringeres Mortalitätsrisiko als Patienten in Krankenhäusern mit einem Anteil von 30 % Pflegenden mit Bachelorabschluss und mindestens acht Patienten. In der Studie wurden die Entlassungsdaten von mehr als 420.000 Patienten im Alter von 50 Jahren und älter analysiert, die in chirurgischen Abteilungen in 300 Krankenhäusern in neun europäischen Ländern (außerhalb Deutschlands) behandelt wurden.

Auch Prof. Dr. Michael Simon von der Hochschule Hannover verwies auf der Fachtagung „Die Zukunft der Gesundheitsversorgung – der Beitrag akademisierter Pflegender“ im November 2015 in Berlin auf die Reduktion von Unter-, Über- und Fehlversorgung sowie geringere Komplikationsraten aufgrund optimierter Versorgungsprozesse. Er sieht in der Akademisierung der Pflege primär einen Qualitätsgewinn gleichwohl ist zusätzlich von einem monetären Nutzen für Krankenhäuser auszugehen.

Integration der Absolventen in die Krankenhäuser

Noch werden in der Pflegepraxis die entwickelten Pflegekompetenzen nicht umfänglich genutzt. In vielen Gesundheitseinrichtungen werden die wertschöpfenden Einsatzmöglichkeiten von akademisierten Pflegenden noch nicht erkannt oder durch eine zurückhaltende Wertschätzung der zusätzlichen Pflegekompetenzen wandern Fachkräfte ab. Um die Kompetenzen von akademisierten Pflegenden nutzbar zu machen, braucht es in den Krankenhäusern klare Zielstellungen für deren Einsatz. Die erforderlichen Kompetenzprofile sind als Bedarf für die Pflegeversorgung herausarbeiten. Die Integration von Bachelorabsolventen in die Krankenhäuser gelingt mit individuellen Traineeprogrammen. Sie können von Pflegeexperten mit Masterabschluss begleitet werden, um den Theorie-Praxis-Transfer zu gewährleisten.

Signifikante Auswirkungen auf die Versorgungsqualität durch den Einsatz akademisch ausgebildeter Pflegefachpersonen können erst nach dem Überschreiten eines quantitativen Schwellenwertes erwartet werden. Erst wenn im Arbeitsbereich mehrere hochschulisch qualifizierte Pflegekräfte tätig sind, kann deren Kompetenz wirksam werden und ihre erweiterte Handlungsperspektive Impulse für Innovationen geben. Ist der Anteil zu gering, adaptieren sie sich an die bestehenden Systeme und das Potenzial bleibt ungenutzt.

Anteil akademisierter Pflegender in Krankenhäusern

Derzeit studieren mehr als 10.000 junge Menschen in Deutschland Pflegewissenschaft oder Pflegemanagement, überwiegend im Bachelorstudiengang. Jährlich verlassen etwa 1.500 bis 1.700 Absolventen die Hochschulen und sind unter anderem auf komplexe Pflegeaufgaben in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen vorbereitet. Sie sind befähigt, Pflegekonzepte für multimorbide Patienten zu entwickeln und diese pflegerisch in der stationären und ambulanten Praxis umzusetzen. Mit knapp 1 % liegt der Anteil akademisch ausgebildeter Pflegender in der Praxis noch weit hinter den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, der sich für 10 bis 20 % ausspricht.

Best practice

Erste Ansätze der Integration von Pflegeexperten ANP finden sich zum Beispiel in der Universitätsklinik Freiburg und im Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf. Dort übernehmen mehrere Pflegeexperten APN sektorenübergreifend verantwortungsvolle Aufgabenbereiche, wie das Delir-Management und -Assessment auf der Intensivstation.

Der Verband der Pflegedirektor/innen der Universitätskliniken diskutiert verschiedene Modelle der Einbindung von Bachelorabsolventen in die klinische Versorgung, wie die Poolbildung von Pflegeexperten oder die Einrichtung von Modellstationen. Die Universitätsklinik Bonn ist hier bereits in der Umsetzungsphase. Andere Universitätskliniken, wie die in Essen, haben diese für 2016 angekündigt.

In Rheinland-Pfalz entwickeln die beiden großen Träger der psychiatrischen Versorgung Trainee-Programme zur Integration von Hochschulabsolventen, die mit einer Stärkung der ambulanten, gemeindepsychiatrischen Struktur einhergehen.

Fazit

Hochschulisch qualifizierte Pflegende ermöglichen eine Qualitätssicherung in Krankenhäusern durch spezifische Qualifizierungen, die das pflegerische Interventionsangebot zur Verbesserung von komplexen Versorgungssituationen erweitern kann. Durch Reflexion und Expertise der Pflegenden kann die Effektivität und Effizienz der Pflegeversorgung optimiert werden. Eine Ausdifferenzierung von berufsfachschulisch und hochschulisch qualifizierter Pflege ermöglicht die Vertiefung und Spezialisierung von pflegerischem Wissen. Ziel ist es für die klinische Praxis Kompetenzprofile zu entwickeln, deren Zusammenspiel Innovation ermöglicht. Voraussetzung ist ein fundiertes und differenziertes Bildungsangebot für den Pflegesektor, das den Bedürfnissen der Gesundheitseinrichtungen gerecht wird und sowohl eine Anschlussfähigkeit am Gesundheitsmarkt als auch Innovationsimpulse zur Versorgungssicherung ermöglicht. Es zeichnet sich ab, dass nach dem Pflegemanagement und der Pflegepädagogik weitere traditionell im Weiterbildungssektor angesiedelte Qualifizierungen in den Hochschulbereich transferieren.

Autoren: Eva Queißer-Drost, Prof. Dr. Renate Stemmer (Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft, Dekanin des Fachbereiches Gesundheit und Pflege an der Katholischen Hochschule Mainz), Heinrich Recken (Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft, Studienzentrum Pflege & Gesundheit der Hamburger Fern-Hochschule Essen)

Zur Ansicht als PDF im KU-Gesundheitsmanagement Heft Februar 2016:

KU_Special_StudienfuerherPlus_2016 6

KU_Special_StudienfuerherPlus_2016 7

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